Aktuell: Interview mit Prof. Dr. Dr. Winfried Banzer
Professor Dr. Dr. Winfried Banzer ist Sportmediziner an der Universität Frankfurt und Mitglied des Beirates Sportentwicklung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Seit 2007 gehört er dem Vorstand der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. an.
Professor Dr. Dr. Winfried Banzer ist Sportmediziner an der Universität Frankfurt und Mitglied des Beirates Sportentwicklung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Seit 2007 gehört er dem Vorstand der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung e.V. an. Er vertritt den deutschen Sport darüber hinaus in zahlreichen internationalen Gremien und Organisationen, so u.a. im sogenannten HEPA-Netzwerk der WHO (European Network for the Promotion of Health-enhancing Physical Activity), der ENGSO (European Non-Governmental Sports Organisation) und verschiedenen EU-Gremien. Als Mitglied einer internationalen Expertengruppe hat er die EU-Leitlinien für körperliche Aktivität mit entwickelt. Diese Leitlinien sind Empfehlungen für politische Maßnahmen zur Unterstützung gesundheitsfördernder körperlicher Betätigung in den EU-Ländern.
Herr Professor Banzer, viele der 127 Mitgliedsorganisationen der BVPG unterstützen aktiv den Nationalen Aktionsplan IN FORM, der das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Bevölkerung nachhaltig und dauerhaft positiv beeinflussen soll. Welche Botschaften sollen Ihres Erachtens die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zur Bewegungsförderung verbreiten? Wie lange muss sich ein erwachsener Mensch täglich bewegen, um einen gesundheitlichen Nutzen davon zu haben? Und welche Form der Bewegung sollte das sein? Spazierengehen oder joggen? Fenster putzen oder Fitness-Studio?
Die vom amerikanischen Gesundheitsministerium 2008 ausgegebenen Leitlinien basieren auf einer äußerst umfangreichen Analyse der wissenschaftlichen Literatur zu Gesundheitseffekten körperlicher Aktivität. Demnach sollten sich gesunde Erwachsene mindestens 150 Minuten in der Woche mit moderater Intensität bewegen, am besten verteilt auf mindestens drei Wochentage. Dies kann nicht nur Sport im klassischen Sinne sein, es kann in den verschiedensten Formen geschehen. Ein flotter Spaziergang, Gartenarbeit oder eine auf dem Tanzparkett durchschwitzte Partynacht sind ebenso geeignet, den Körper in Schwung zu halten. Moderate und intensive Aktivitäten können kombiniert werden, wobei eine Zeiteinheit intensiver körperlicher Aktivität doppelt zählt. Auch kleine Bewegungseinheiten ab 10 Minuten können in die Bilanz einfließen. Neben dem Ausdauertraining ist auch Krafttraining wichtig, das alle großen Muskelgruppen erfasst. Dies sollte zweimal in der Woche erfolgen und so intensiv sein, dass etwa 8-12 Wiederholungen möglich sind. Besonders wichtig ist, dass man sich regelmäßig bewegen muss, damit die gesundheitsfördernden Effekte sich bemerkbar machen.
Wir gehen heute davon aus, dass körperliche Aktivität in einer Dosis-Wirkung-Relation zu Gesundheitseffekten steht, d.h. wer sich mehr bewegt, hat auch einen höheren „Schutz“. Andererseits „zählt“ jedes Bisschen, also auch körperliche Aktivität unter dem empfohlenen Umfang geht mit positiven Gesundheitseffekten einher. Zur Veranschaulichung habe ich Ihnen das Pensum des 45-jährigen Bürokaufmannes Hans zusammengestellt (siehe Abbildung 1). Für ältere Menschen gelten im Übrigen, wenn gesundheitlich möglich, die gleichen Empfehlungen wie für 18- bis 64-Jährige.
Welche Empfehlungen gelten für Kinder?
Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 17 Jahren sollten täglich mindestens 60 Minuten körperlich aktiv sein. Mindestens dreimal in der Woche sollten sie dabei auch richtig ins „Schwitzen“ geraten. Wichtig sind auch knochenwachstumsfördernde Aktivitäten und Muskelkräftigung. Für Kinder bedeutet das nicht explizit Krafttraining - freies Spiel mit dem Körpergewicht als Widerstand ist ausreichend. Hier als Beispiel das Wochenpensum eines siebenjährigen Hänschens (siehe Abbildung 2).
Nach der kürzlich vorgestellten Motorik-Modul-Studie1, bei der mehr als 4.500 Kinder und Jugendliche zwischen 4 und 17 Jahren in fast 170 Orten in ganz Deutschland befragt und getestet wurden, erfüllen nur 15,3 % der Kinder die Empfehlungen für ausreichende Bewegung. 58 % der 4-17-Jährigen Kinder und Jugendlichen sind aber in einem Sportverein aktiv. Wie passt das zusammen?
Richtig ist sicherlich, dass wir es mit einer beachtlichen Diskrepanz zwischen nachlassender motorischer Leistungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen insgesamt auf der einen Seite und einem durchaus hohen Organisationsgrad in den Sportvereinen andererseits zu tun haben. Ein wesentliches Problem in diesem Zusammenhang ist, dass wir trotz zahlreicher gegenteiliger Bemühungen sozial benachteilige Kinder und Jugendliche, und hier besonders diejenigen mit Migrationshintergrund, bislang nur unzureichend ansprechen. Die Motorik-Modul-Studie zeigt, dass Kinder und Jugendliche mit einem hohen Sozialstatus eine bessere motorische Leistungsfähigkeit aufweisen und der Einfluss des Sozialstatus auf die Leistungsfähigkeit mit steigendem Alter zunimmt. Andererseits nimmt der Organisationsgrad im Sportverein mit zunehmendem Alter und geringerem Sozialstatus ab. Der Sport betrachtet Integration aber durchaus als seine Kernaufgabe und macht bereits viele differenzierte Angebote, die dieser Situation entgegenwirken. Ein sehr aktuelles Beispiel ist das IN FORM-Projekt „Mehr Migrantinnen in den Sport“, das nun in vielen Kommunen angelaufen ist. (Link zum Projekt)
Warum gelingt die Einbindung dieser Zielgruppen in die Vereine noch nicht im wünschenswerten Maß?
Wir sehen, dass die Bindung an den Sport bislang entweder über die peers oder über die Eltern gelingt. Wenn Peergroup und Elternhaus sportfern sind, wird es schwierig. Beginnen müssten wir am besten am Anfang, d. h. in den Kindergärten. Es wäre wünschenswert, dass Bewegungsförderung und elementare Kenntnisse über den Zusammenhang von Bewegung und Gesundheit ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung der ErzieherInnen werden. Weiterhin müsste eine sehr enge Verzahnung am besten auch schon mit den Kindergärten und Schulen, insbesondere mit den jetzt ja im Aufbau befindlichen Ganztagsschulen, stattfinden. Der Sport und eine bewegungsfreudige Alltagsgestaltung müssten endlich in den Schulen „ankommen“ und Hand in Hand arbeiten; institutionell gesprochen müsste es zu einer echten Partnerschaft zwischen Schule und Verein in den Kommunen kommen.
Wie kann diese Partnerschaft auf der kommunalen Ebene gefördert werden?
Es ist eine Verzahnung und Zusammenarbeit aller Verantwortlichen, die den Sport gestalten, notwendig: d. h. von Sportkreisen – das sind die Untergliederungen der Landessportbünde auf kommunaler Ebene – Kommunen etc. Diese Vernetzung muss weiter ausgestaltet werden. Gleichzeitig kann aber nicht erwartet werden, dass all diese Gedanken – zum Beispiel auch die Fragen bewegungsfreundlicher urbaner Mobilität - nur vom Sport in die Kommune hineingetragen werden, sondern es müssen von allen Seiten sich gegenseitig befruchtende Anstöße kommen. Im Rahmen von IN FORM übrigens werden ja nun in allen Bundesländern so genannte „Zentren für Bewegungsförderung“ gefördert. Wir hätten uns schon gewünscht, dass der Sport hier als kompetenter und erfahrener Partner bei der Vergabe der Trägerschaften und Führungsaufgaben von der Politik stärker wahrgenommen und beteiligt worden wäre.
Apropos IN FORM: Wie beurteilen Sie den Nationalen Aktionsplan? Wird er seine erklärten Ziele, das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Bevölkerung nachhaltig und dauerhaft positiv zu beeinflussen, erreichen können?
IN FORM ist auf Langfristigkeit ausgelegt: Es wäre deshalb ganz und gar unseriös, jetzt schon darüber eine Aussage zu machen, ob IN FORM ein taugliches Instrument hierfür ist oder nicht. Ich will es einmal mit einer Tennismetapher umschreiben: IN FORM ist ein guter, schöner Aufschlag, um das Thema im Spiel zu halten. Man unternimmt den Versuch, die Leute aufzurütteln, und das ist gut. Sehr begrüßenswert ist das Anliegen, die Breite der Gesellschaft anzusprechen und nachhaltige Veränderungen in Sinne eines gesunden Lebensstils anzustreben. Gleichzeitig hätte ich mir eine bessere finanzielle Ausstattung gewünscht. Auch in Hinblick auf die Zielgruppen wären weitere Differenzierungen denkbar.
Was würden Sie empfehlen, damit IN FORM ein Erfolg wird?
Hier haben wir eigentlich durch die internationale Zusammenarbeit die Schlüssel bereits in der Hand: Im Oktober 2008 sind die „EU-Leitlinien für körperliche Aktivität“ erschienen, die Empfehlungen für politische Maßnahmen zur Unterstützung gesundheitsförderlicher körperlicher Betätigung darstellen. Sie richten sich an Akteure und politisch Verantwortliche auf den verschiedenen Handlungsebenen. Es macht Sinn, diese Empfehlungen im Hinblick auf die spezifisch deutschen Gegebenheiten zu konkretisieren und zu übertragen.
Was ist das Neue und Besondere an diesen EU-Empfehlungen?
Mehrere Aspekte sind hier zu nennen, die unterschiedliche Handlungsebenen tangieren. Für jeden, der sich mehr bewegen will, gibt es zusätzliche Empfehlungen, die auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Zum Beispiel ist der Ansatz neu, den Menschen zu vermitteln, dass man körperliche Aktivität über den Tag „sammeln“ kann, um einen gesundheitlichen Nutzen zu haben – mit dem Rad zur Arbeit also, später vielleicht eine halbe Stunde putzen oder Gartenarbeit, mit dem Hund Gassi gehen. Diese Gedanken zur Bewegung im Alltag finden sich ja auch im Nationalen Aktionsplan wieder. Ebenfalls hinzugekommen sind die Empfehlungen zum Krafttraining.
Auf der Ebene der Maßnahmen-Planung ist der Ansatz neu, Bewegungsförderung nicht isoliert zu betrachten, sondern im Verbund mit den Themen „Ernährung“ und „seelische Gesundheit“ zu sehen.
Wo sehen Sie auf der politischen Ebene neue Impulse, die wir in Deutschland aufgreifen sollten?
Über die internationale Zusammenarbeit, besonders durch die Aktivitäten des HEPA-Netzwerkes der WHO (mit Unterstützung durch die EU), sind in den letzten Jahren viele wichtige Impulse zur Unterstützung gesundheitsförderlicher körperlicher Aktivität gesetzt worden. Auf der politischen Ebene ist ein neuer wesentlicher Gedanke der Ansatz, Gesundheitsförderung durch Bewegung nicht ausschließlich dem Politikfeld Gesundheit zu überlassen, sondern unterschiedliche Handlungsoptionen in ganz anderen Politikfeldern auf ihre Gesundheitsverträglichkeit zu prüfen und hier sehr viel stärker Ressort-übergreifend zu arbeiten. Ein weiteres wesentliches Element ist eine stärkere Fokussierung von verhältnispräventiven Ansätzen: Gemeint sind hier vor allem auf Bewegungsförderung und auf sozialen Austausch und Teilhabe hin angelegte Architektur und Stadtplanung; es geht hier darum, urbane Mobilität auch aus ganz anderen, immer auch gesundheitsbezogenen Blickwinkeln neu zu denken.
Herr Professor Banzer, ganz herzlichen Dank für das Interview!
Die Fragen stellte Bettina Berg am 17.06.09.
(1) Bös, K., Worth, A., Opper, E., Oberger, J. & Woll, A. (Hrsg.): Motorik-Modul: Motorische Leistungsfähigkeit und körperlich-sportliche Aktivität von Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Baden-Baden 2009. Das „Motorik-Modul“ ergänzt den von 2003 bis 2006 durchgeführten Kinder- und Jugendgesundheits-Survey KIGGS. Nähere Informationen unter www.motorik-modul.de, www.kiggs.de


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