Aktuell: Interview mit Daniel Bahr, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Gesundheit
Welche Rolle nimmt zukünftig die Prävention, insbesondere Sport und Bewegung in der Gesundheitspolitik ein.
Daniel Bahr, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesministerium für Gesundheit: Der DOSB ist durch seine langjährigen Erfahrungen ein wichtiger Partner unserer Gesundheitspolitik
Seit gut einem halben Jahr gibt Daniel Bahr, der Parlamentarische Staatssekretär beim Bundesministerium für Gesundheit, der Gesundheitspolitik des Bundes ein neues Gesicht. Wie kann mehr Sport und Bewegung in den Alltag der Menschen verankert werden? Wie werden bei der Umsetzung von Zielen wie Gesundheitsförderung Organisationen wie der Deutsche Olympische Sportbund mit eingebunden? Daniel Bahr steht Rede und Antwort und weiß, wie wichtig es ist, bereits im Kindes- und Jugendalter mit Prävention und Gesundheitsförderung zu beginnen.
Neben der Finanzierung unseres Gesundheitssystems und dem Einsatz von Medikamenten gehört auch die Prävention zu Ihren Sachthemen. Welchen Stellenwert nimmt sie bei Ihnen ein?
Prävention und Gesundheitsförderung haben für uns einen sehr hohen Stellenwert, weil wir dadurch für die Bürgerinnen und Bürger aber auch für die Gesellschaft insgesamt positive Wirkungen erzielen können. Gesundheit ist eine wesentliche Voraussetzung für jeden Einzelnen, seine Lebensentwürfe umzusetzen und seine Potenziale voll zu nutzen. Deshalb ist es uns wichtig, schon im Kindes- und Jugendalter mit Prävention und Gesundheitsförderung zu beginnen und ein Leben lang fortzuführen. Das sage ich insbesondere mit Blick auf die steigende Zahl chronischer Erkrankungen, die mit Verhaltensänderungen durchaus vermeidbar sind.
Aber nicht nur das Verhalten, sondern auch die Lebens- und Arbeitsbedingungen beeinflussen die Gesundheit. Deshalb ist es uns wichtig, die Lebenswelt gesundheitsförderlich zu gestalten. Am Beispiel der betrieblichen Gesundheitsförderung lässt sich gut belegen, welche gesundheit-lichen Erfolge bei den Beschäftigten erzielt werden können und welche positiven Wirkungen dies auf die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe hat.
Das zeigt, dass sich eine Investition in Prävention und Gesundheitsförderung lohnt. Sie ist ein wesentlicher Beitrag zur langfristigen Finanzierbarkeit der sozialen Sicherungssysteme sowie für die Innovationskraft der Wirtschaft.
Ihr Haus hat eine nationale Präventionsstrategie angekündigt. Gibt es schon konkrete Zeitpläne und Inhalte für ein weiteres Vorgehen? Sind verbindliche Präventionsziele angesichts der gesundheits- und gesellschaftspolitischen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte nicht dringend erforderlich?
Wir haben im Koalitionsvertrag deutlich gemacht, dass wir zunächst den Status Quo bewerten wollen. Es soll vermieden werden, Strukturen und Programme zu doppeln. Daher soll auf bereits bestehenden sinnvollen Initiativen aufgebaut, diese weiterentwickelt und in die Fläche gebracht werden. Wir wollen die beste Wirkung bei intelligentem Einsatz der finanziellen Ressourcen. Dazu gehört auch, dass die Kräfte gebündelt und durch die Festlegung von Präventionszielen gesteuert werden. Ob wir solche Ziele in unserem föderalen System mit verteilten Zuständigkeiten von Bund, Ländern und Sozialversicherungen verbindlich festlegen können, bleibt abzuwarten. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir aufbauend auf dem Kooperationsverbund "gesundheitsziele.de" mit den Akteuren Präventionsziele in dieser Legislaturperiode vereinbaren können.
Der Nationale Aktionsplan „IN FORM – Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung“, der sich bis 2020 erstrecken wird, streicht schon im Titel die Bedeutung von Bewegung und Sport heraus. Sind finanzielle Mittelzuwendungen vorgesehen? Und wie kann künftig mehr Sport und Bewegung in den Alltag der Menschen verankert werden, gerade weil unsere Gesellschaft immer älter wird?
Wesentliches Ziel von IN FORM ist es, mehr Bewegung und sportliche Aktivität in den Alltag von Menschen zu bringen. Hierfür stehen in diesem Jahr Haushaltsmittel in Höhe von 4,5 Mio. Euro zur Verfügung. Diese werden anknüpfend an die bestehenden Vorhaben, insbesondere für flächendeckende Strukturen in den Ländern und Kommunen, verwandt, um Gesundheitsförderung und Prävention nachhaltig anzustoßen und zu etablieren. In elf Aktionsbündnissen "Gesunde Lebensstile und Lebenswelten" vernetzen sich aktuell lokale und kommunale Akteure wie Schulen mit Sportvereinen. Die Zentren für Bewegungsförderung, die in allen 16 Ländern eingerichtet wurden, machen ihrerseits hervorragende Praxisbeispiele bekannt und unterstützen neue Initiativen zur Bewegungsförderung, insbesondere für ältere Menschen. Hier wird eng mit den Landessportbünden kooperiert, um Synergien zu nutzen. Besondere Aspekte werden vertiefend in Modellprojekten bearbeitet, bei denen es z.B. um die bessere Erreichung von bewegungsarmen Gruppen geht. So hat der DOSB das Netzwerkprojekt "Mehr Migrantinnen in den Sport" ins Leben gerufen, bei dem Sportangebote der Vereine mit gesundheitlicher Aufklärung verbunden werden.
Die vielfältigen guten Ansätze werten wir in den nächsten Monaten aus und machen diese breit zugänglich.
Wie weit werden Sie bei der Umsetzung Ihrer Ziele Organisationen wie den Deutschen Olympischen Sportbund mit einbinden? Wie wichtig sind bei der Gestaltung eines modernen Lebensumfeldes Partner aus dem Bewegungssektor wie der DOSB, der mit seinem Qualitätssiegel SPORT PRO GESUNDHEIT ein bewährtes Gesundheitsangebot vorweisen kann?
Der DOSB ist bereits ein wichtiger Partner des Nationalen Aktionsplans IN FORM. Er ist Mitglied in der Steuerungsgruppe, die die beiden federführenden Ministerien - das ist neben unserem Haus das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz - berät. Die langjährigen Erfahrungen des DOSB nutzen wir beispielsweise auch in der Expertengruppe zur Erarbeitung von Empfehlungen zur Bewegungsförderung im Alltag. Darüber hinaus wird bei den unterschiedlichen Maßnahmen mit den Vereinen vor Ort kooperiert.
In vielen Plänen werden häufig Modellprojekte angestoßen. Macht es nicht mehr Sinn, auf die bestehende Infrastruktur zurückzugreifen, wenn sie sich bewährt hat?
IN FORM setzt genau hier an. Die durchgeführten Maßnahmen greifen auf existierende Projekte und Strukturen zurück. Durch eine bessere Kooperation bzw. Vernetzung der Akteure, die Nutzung von Synergien und die Bekanntmachung von guten praxisbewährten Beispielen wollen wir erfolgreiche Vorhaben verbreitern. Gerade die flächendeckenden Strukturen der Sportverei-ne nutzen wir dabei, um sportliche Aktivität und mehr Bewegung in den Alltag der Menschen zu bringen. So wird die Kompetenz von Übungsleitern und -leiterinnen in Kindertagesstätten genutzt, Vereine bieten verschiedene Sportarten in Arbeitsgruppen an Ganztagsschulen an, und für ältere Menschen gibt es wohnortnahe Aktivitäten.
Welche Ziele haben Sie sich mit der für 2012 angekündigten Langzeitstudie zur Präventionsfor-schung gesteckt? Und inwieweit wird sie sich von den Ansätzen unterscheiden, wie durch Gesundheitssurveys beispielsweise des Robert Koch-Instituts verfolgt werden?
Die von Ihnen erwähnte Langzeitstudie, die sog. Nationale Kohorte, befindet sich in einem fort-geschrittenen Planungsstadium, an dem sowohl Universitäten als auch außeruniversitäre For-schungseinrichtungen sowie das Robert Koch-Institut beteiligt sind. Die Planung wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung begleitet. In der Nationalen Kohorte soll der Gesundheitszustand von 200.000 Frauen und Männern im Alter zwischen 20 und 69 Jahren aus verschiedenen Regionen Deutschlands über einen längeren Zeitraum (evtl. 20 bis 30 Jahre) untersucht werden. Damit lassen sich Zusammenhänge zwischen Ernährung, Lebensstil, Umwelt sowie Genen und dem Erhalt der Gesundheit oder der Entstehung von Krankheiten aufdecken. Mit den Erhebungen soll voraussichtlich im Jahr 2012 begonnen werden.
Der Bundes-Gesundheitssurvey (BGS 98) bzw. die Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS) als Fortsetzung des Bundes-Gesundheitssurvey sammelt Informationen zum Gesundheitszustand, -verhalten und zur gesundheitlichen Versorgung der Bevölkerung Deutschlands. Bei der laufenden Erhebung werden etwa 7.500 Personen im Alter von 18 bis zu 79 Jahren befragt und untersucht. Der Gesundheitssurvey ist ein wichtiges Instrument für das Monitoring des Gesundheitszustandes. Angelegt als Querschnittsuntersuchung spiegelt er den Gesundheitszustand der Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt wider. Demgegenüber stellt die Nationale Kohorte eine Längsschnittuntersuchung dar, in deren Rahmen konkrete Forschungsfragestellungen bearbeitet werden.



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