27.07.10

Aktuell: Interview mit Dr. Volker Wanek, GKV-Spitzenverband

Der Leitfaden Prävention zum § 20 des Sozialgesetzbuches V wird derzeit überarbeitet. Dr. Volker Wanek, GKV-Spitzenverband erläutert die Änderungen.

Im Paragraph 20 des Sozialgesetzbuches V wird das Verhältnis der Krankenkassen zur Prävention und Selbsthilfe geregelt. Der entsprechende Leitfaden der Gesetzlichen Krankenkassen wird gerade überarbeitet. Was gab den Ausschlag für die anstehende Überarbeitung im Handlungsfeld Bewegung?

Der von Ihnen genannte § 20 des fünften Sozialgesetzbuchs regelt die Primärprävention als eigenständige Aufgabe der gesetzlichen Krankenversicherung. Wir haben für alle Leistungen der Krankenkassen auf diesem Feld in einem Leitfaden verbindliche Qualitätskriterien definiert, die wir kontinuierlich aufgrund der in der Praxis gesammelten Erfahrungen auch mit Hilfe externer wissenschaftlicher Unterstützung weiterentwickeln. Derzeit befindet sich die sechste Auflage dieses Leitfadens in Vorbereitung. Die jetzt vorbereitete Neufassung betrifft das Handlungsfeld Bewegung nur ganz am Rande. An einigen Stellen soll dort nun noch klarer formuliert werden, was auch bisher schon gilt. Der Leistungskatalog wird aber weder eingeschränkt noch erweitert. Im Mittelpunkt stehen vielmehr die Stressbewältigung und Entspannung sowie die Vorbeugung von Abrechnungsbetrug.

Die primäre Prävention zumindest in der äußeren Wahrnehmung wird von den Krankenkassen immer wichtiger genommen, denn ihre Ausgaben dafür sind in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Setzen die Krankenkassen vermehrt auch auf Bewegung und Sport und ist es ein wichtiger Bestandteil der Primärprävention? Wie schaffen es die Krankenkassen, die Menschen anzusprechen, die Bewegung nötig haben?

Die Bewegungsförderung ist von den Zahlen her das größte Handlungsfeld in der Primärprävention: Von den 2,1 Millionen Versicherten, die 2008 an einem Präventionskurs teilgenommen haben, haben 1,6 Millionen einen Kurs zur Bewegungsförderung besucht. Unsere Versicherten sehen Bewegung völlig zu Recht als Schutzfaktor für ihre Gesundheit. Neben der Förderung von Bewegung und Sport setzen die Krankenkassen in der Primärprävention aber auch auf gesunde Ernährung, Suchtvorbeugung sowie Stressbewältigung und Entspannung. Den Fokus allein auf den Bewegungsanteil zu legen, würde zu kurz greifen. Neben der Förderung von individuellen Kursen gehen Krankenkassen durch Projekte z. B. in Wohngebieten und Kindereinrichtungen wie Schulen oder Kitas direkt auf bestimmte Bevölkerungsgruppen zu. Komplettiert wird das Engagement der Krankenkassen durch die betriebliche Gesundheitsförderung. Gerade bewegungsarme Menschen und solche in schwieriger sozialer Lage lassen sich so gut erreichen.

Wendet sich Politik mehr der Prävention zu, obwohl ein Präventionsgesetz bisher nicht zustande gekommen ist, oder besteht hier noch ein deutlicher Nachholbedarf? Erwarten Sie weitere Unterstützung von dieser Seite?

Die Koalition hat eine nationale Präventionsstrategie angekündigt, in die sich die gesetzliche Krankenversicherung als größter Payer und Player auf diesem Feld gerne einbringt. Wir wünschen uns eine Strategie, die alle wichtigen Akteure einbindet – und nicht nur der Sozialversicherung neue Aufgaben überträgt. Deutschland ist in Sachen Prävention erfolgreich, aber in Bezug auf die Koordination, Qualitätssicherung und Vernetzung besteht noch Nachholbedarf. Wie beim Nationalen Aktionsplan IN FORM zur Förderung von Bewegung und gesunder Ernährung sehen wir in klaren Zielen und einem ressortübergreifenden Vorgehen unter Einbindung aller wichtigen Akteure und föderalen Ebenen den wirksamsten Präventionsansatz.

Der DOSB ist mit seinem Qualitätssiegel SPORT PRO GESUNDHEIT ein wichtiger Partner der Krankenkassen geworden. Was sind aus Ihrer Sicht die Vorteile des Siegels?

Die GKV begrüßt, dass unter dem Qualitätssiegel SPORT PRO GESUNDHEIT ein qualitätsgesichertes, flächendeckendes und niedrigschwelliges Gesundheitssportangebot zur Verfügung steht. Die mit dem Qualitätssiegel ausgezeichneten Kurse eignen sich nicht nur zum Einstieg (bzw. Wiedereinstieg) in gesundheitsfördernde Bewegung, sondern auch zum kontinuierlichen Weitermachen nach Ende des Kurses – dann allerdings auf eigene Rechnung des Versicherten.

Dennoch ist die Anerkennung gewisser Bereiche des Siegels gefährdet, so beispielsweise in der Verbindung mit einer Sportart. Gerade durch eine Ausrichtung auf eine Sportart können bestimmte Zielgruppen viel besser erreicht werden, und das Ziel, Gesundheitssport fördern zu wollen, geht doch durch eine Kopplung mit einer Sportart nicht verloren? Wichtig ist doch, dass körperliche Voraussetzungen verbessert werden. Warum wird dieser Weg nicht weiter beschritten?

Diese Frage kann ich nicht nachvollziehen: Die Fördermöglichkeit von Angeboten mit dem Qualitätssiegel SPORT PRO GESUNDHEIT bleibt auch in der vorbereiteten Neufassung des GKV-Leitfadens Prävention im bisherigen Umfang erhalten. Auch jetzt schon fördern die Krankenkassen in der Primärprävention keine Maßnahmen zum Erlernen einer Sportart oder mit einseitigen körperlichen Belastungen. Vielmehr muss der Schwerpunkt auf dem gesundheitlichen Aspekt, nicht auf der Vermittlung von Spezialkenntnissen und –techniken liegen. Das wird jetzt nur noch klarer formuliert. Wie bereits bisher kann nicht jedes Angebot mit dem Qualitätssiegel SPORT PRO GESUNDHEIT automatisch mit einer Krankenkassenförderung rechnen – wir fördern z. B. keine Dauerangebote, sondern nur den Einstieg oder Wiedereinstieg in die Bewegung.

Warum wird der DOSB als der Dachverband des organisierten Sports und als Non-Profit-Verband bei der Ausarbeitung des Leitfadens nicht mit in die Entscheidungsfindung  eingebunden?

Wir müssen natürlich zunächst unter den Krankenkassen einen Konsens finden, in welche Richtung die Reise gehen soll, dann gehen wir auf unsere Kooperationspartner zu und beraten uns mit diesen. Das werden Sie bei der Arbeit an Ihrem Qualitätssiegel doch mit Ihren Vereinen und Landessportbünden sicher genau so machen. Wir beteiligen bei der Weiterentwicklung unseres Präventionsleitfadens darüber hinaus kontinuierlich unabhängigen Sachverstand, vor allem aus der Präventionswissenschaft. Zwischen dem DOSB und uns gibt es seit vielen Jahren eine gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit in der praktischen Umsetzung, die sicherlich auch in Zukunft weitergeführt wird.